ZurichDental-Podcast

Podcast mit Dr. Jakob Müller und Dr. Olivier Schicht

Zahnmedizin der letzten 30 Jahre

Rückblick auf 30 Jahre Zahnmedizin: Warum Zahnerhaltung und Kompositreparatur heute die Praxis prägen

In dieser Folge von ZurichDental blicken Dr. Jakob Müller und Dr. Olivier Schicht auf ihre langjährige Berufserfahrung zurück. Im Mittelpunkt stehen nicht nur technische Meilensteine wie Mikroskop, Nickel-Titan-Instrumente oder DVT, sondern vor allem ein roter Faden: Zahnerhaltung als Haltung und als Handwerk.

"Du musst nicht alle deine Zähne putzen – nur die, die du behalten willst."

Verfasser unbekannt

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Von Ringdeckelkrone, Amalgam und Goldinlays: Was aus dem Studium verschwunden ist

Ein schönes Beispiel für den Wandel ist das, was man früher lernen musste, heute aber kaum noch sieht: Ringdeckelkronen mit Wachsmodellation, Guss und Löttechnik wirken aus heutiger Sicht wie aus einer anderen Welt. Gleichzeitig erzählt Dr. Schicht, dass in seiner Ausbildung Amalgam und Goldgussfüllungen noch ganz selbstverständlich waren, inklusive Goldinlays und Overlays. Die Zahnmedizin war schon damals je nach Universität sehr unterschiedlich geprägt, und vieles, was einst Standard war, ist heute eher Randwissen oder Historie.

Zahnerhaltung als Herzensanliegen: Endodontologie und Parodontologie als Schlüssel

Beide Gäste verbindet die klare Position: Zahnmedizin definiert sich über Zahnerhaltung. Dr. Olivier Schicht kam für die Spezialisierung in Endodontologie nach Zürich und beschreibt ehrlich, dass er Wurzelkanalbehandlung als Student gehasst hat, vor allem wegen der mühsamen Aufbereitung mit Stahlinstrumenten. Erst später wurde es zum Gamechanger: Nickel-Titan-Instrumente, maschinelle Aufbereitung und vor allem das Operationsmikroskop machten Endodontologie präziser, besser kontrollierbar und am Ende auch attraktiver. Dr. Jakob Müller wiederum beschreibt als Wendepunkt in der Parodontologie den Umstieg von resektiven Verfahren hin zu regenerativen Verfahren, etwa mit Schmelzmatrix-Proteinen wie Emdogain und weiteren Materialien zum Knochenaufbau. Aufbau statt Abbau, das ist sein Leitmotiv.

Implantate, DVT und Schablonen als Standard, aber Periimplantitis bleibt die Baustelle

In der Implantattherapie hat sich die Planbarkeit stark verändert: DVT und digitale 3D Technologien sowie Bohrschablonen ermöglichen heute eine Implantatplanung, die früher so nicht denkbar war. Gleichzeitig wird offen angesprochen, was viele im Alltag umtreibt: Periimplantitis. Rauere Implantatoberflächen verbesserten zwar die Einheilung deutlich, können aber bei Entzündung zur Falle werden, weil sich Bakterien in Mikroporositäten hartnäckig halten. Dr. Jakob Müller nennt als Orientierung, dass laut WHO weltweit etwa 15 bis 25 Prozent der Implantate von Periimplantitis betroffen sein können. Implantate sind für 10 bis 15 Jahre heute meist sehr gut beherrschbar, doch eine echte Lebensdauer-Garantie über viele Jahrzehnte ist nicht seriös versprechbar. Umso mehr gilt der Satz, der im Gespräch sinngemäss mitschwingt: Implantate ersetzen fehlende Zähne, aber nicht bestehende Zähne.

Wurzelkanalbehandlung: Hohe Erfolgsquote, aber Fraktur bleibt das häufigste Risiko

Bei der Wurzelkanalbehandlung liegt die Stärke in der Vorhersagekraft, aber eben nicht in einer Garantie. Als häufigstes Langzeitproblem nennt Dr. Olivier Schicht die Wurzelfraktur: Ein Zahn kann perfekt endodontisch und prothetisch versorgt sein und trotzdem später brechen. Entscheidend für die Prognose ist nicht nur das Fundament der Wurzel, sondern vor allem, wie viel gesunde Zahnsubstanz noch über dem Zahnfleisch vorhanden ist, um später den Zahn stabil zu versorgen. Ergänzend wird erklärt, warum devitale Zähne häufiger überlastet werden: Der feine Schutzreflex der vitalen Pulpa fehlt, Taktilität und Überlastungswarnung sind reduziert. Eine höckerübergreifende Versorgung oder Überkronung kann das Risiko senken, aber nicht vollständig eliminieren.

Komposit-Füllungstherapie: Viel Neues auf dem Markt, aber der Kern bleibt der Gleiche

Spannend ist der Blick auf das, was sich kaum verändert hat: Komposit-Füllungstherapie. Zwar gibt es unzählige Adhäsivsysteme und Materialvarianten, doch bewährte Systeme sind bis heute im Einsatz und liefern Langzeitergebnisse, die nach 20 bis 30 Jahren noch überzeugen. Als echte Vereinfachung werden Bulkfill-Komposite genannt, die grössere Schichtstärken ermöglichen und damit die Verarbeitung im Alltag erleichtern. Und ein Punkt wird klar betont: Die Reparatur von Kompositen ist keine Notlösung, sondern oft die bessere, zahnschonende Entscheidung. Wenn eine Randleiste oder ein Höcker abbricht, lässt sich eine ansonsten gute Füllung häufig stabil und ästehtisch reparieren, statt alles zu ersetzen.

Frontzahn-Ästhetik ohne Veneers: Non-invasiv mit Komposit und Klebebrücken

Dr. Olivier Schicht beschreibt sein Ziel seit dem Studium: Versorgungen sollen so natürlich sein, dass man sie nicht sieht. Besonders im Frontzahnbereich wird das greifbar, wenn Form und Stellung mit Komposit optimiert werden können, ohne Zahnsubstanz zu opfern. Dr. Jakob Müller ordnet den Veneer Hype ein: Ja, es gibt Indikationen, aber sie sind seltener als viele glauben. Oft lassen sich ästhetische Probleme zahnschonender und natürlicher mit Komposit lösen. Auch Klebebrücken werden positiv bewertet, vor allem mit dem Wissen um moderne Konzepte wie einflügelige Versorgungen und sauberes Vorgehen bei Refixationen. Und typisch für die heutige Praxis: Vorher simulieren und visualisieren, statt blind zu präparieren.

Qualitätsorientierte Zahnmedizin: Perfektion als Kompass und Fotodokumentation als Lehrer

Zum Schluss des Gespräches geht es um Grundsätzliches: Stolz entsteht nicht aus schnellen Erfolgen, sondern aus Langzeitergebnissen, die nach Jahren noch funktionieren. Der Rat an junge Zahnärzte ist deshalb deutlich: an Perfektion orientieren, jeden Schritt kontrollieren, die Basics meistern. Denn Präzision lernt man nicht zuerst an grossen Rekonstruktionen, sondern an scheinbar kleinen Dingen wie einer perfekten Zahnhalsfüllung. Ein konkretes Werkzeug dafür ist die Fotodokumentation: Wer seine Arbeiten regelmässig fotografiert und in Vergrösserung kritisch betrachtet, sieht seine Fehler schwarz auf weiss und wird schneller besser. Oder anders gesagt: Übung macht den Meister, aber nur, wenn man genau hinschaut.

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